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Ordensspange Chinadenkmünze für Nichtkämpfer

von Michael Lobbe

Als im November des Jahres 1897 zwei deutsche katholische Missionare in der chinesischen Provinz Shantung ermordet wurden, nahm der deutsche Kaiser Wilhelm II. die Situation zum Anlaß, um durch die Besetzung der Bucht von Kiautschou dem deutschen Kolonialhandel einen neuen Schutzhafen zu sichern. Das ostasiatsiche Seegeschwader sezte zunächst ein ca. 700 Soldaten starkes Landungskorps ab. Die deutschen Truppen stellten die Bucht von Kiautschou unter deutsche „Schutzherrschaft“ und behielten sie als Pfaustpfand bis zu Klärung und Sühne für die Moritat an den Missionaren. Trotzdem die angeblichen Mörder hingerichtet wurden, änderte sich am Status der Bucht von Kiautschou als deutschem Schutzgebiet und Handelsniederlassung nichts.

Neben den Deutschen als neuen Kolonialherren hatten andere Kolonialmächte schon längst einen Fuss nach China gesetzt. Der Einfluss der Kolonialmächte auf die innerchinesischen Angelegenheiten wuchs zusehends. Grosse Baumassnahmen, wie z.B. der  Bau von Bahnlinien trieb tausende Tagelöhner in Elend und Hungertod, da sie nicht mehr für Transportdienste benötigt wurden.

Aus dieser sozial und religiös gespannten Lage heraus bildeten sich chinesische Geheimbünde, die die Kolonialmächte, hauptsächlich die Europäer aus ihrem Land vertreiben wollten. Es kam zu ersten Übergriffen. Nach politischer Intervention der europäischen Gesandten und mehrfachen Verbots durch die chinesische Regierung, schlossen sich die Geheimbünde unter einem anderen Namen erneut zusammen. Die Sekte „von der roten Faust“ (von den Engländern „boxers“ genannt, daher später der Name des Feldzuges „Boxeraufstand“) verbreitete sich rasch und erhielt großen Zulauf, da sie heimliche Unterstützung seitens eines hohen Beamten der chinesischen Regierung genoss. Die Unruhen breiteten sich zuerst im Landesinneren aus, viele Europäer und christliche Chinesen flohen. Die Kolonialmächte verstärken die Schutztruppen Ihre Gesandtschaften in Peking. Die Boxer zettelten einen immer grösseren öffentlichen Aufruhr an, bis die chinesiche Regierung nicht mehr Herr der Lage war. Die Botschaften in Peking waren durch die Aufständischen ernsthaft bedroht, so dass die Befehlshaber der versammelten europäischen Auslandsgeschwader sich entschieden, den um Hilfe und Unterstützung nachsuchenden Gesandtschaften zu Hilfe zu kommen.

Der nun beginnende Chinafeldzug  (Juni 1900 bis Mai 1901) war weniger ein zusammenhängender Krieg, als vielmehr eine Aneinanderreihung von Scharmützeln und Gefechten, bei denen stehts die modernen Truppen der ausländischen Armeen und Marinen die Oberhand behielten. Nach den Kämpfen um Peking war die Bewegung der Boxer weitgehend zerschlagen. Mit Schwert und Vorderlader bewaffnet hatten sie tausende Gefallene zu beklagen, da sie in dem Glauben unverwundbar zu sein bei Angriffen geradezu in das gegnerische Feuer hineinliefen.

Es gab neben anderen zumindest 16 bedeutendere Kampfhandlungen an denen deusche Truppen beteiligt waren. Alle im Detail zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, genannt seien aber zumindest die Erstürmung des Taku-Fort (17.Juni 1900), im Zuge dessen das deutsche Torpedoboot „Iltis“ den Pour-le-Merite erhielt; die sog. Seymore-Expedition, bei der ein aus acht Nationen bestehendes Expitionskorps versuchte, die internationalen Gesandtschaften in Peking zu entsetzen und an einer zerstörten Bahnlinie scheiterte (bekannt ist der Ausspruch des britischen Admirals Seymore „The Germans to the front“ bei der Erstürmung des Hsiku-Arsenals am Morgen des 22.Juni 1900) sowie die Verteidigung der deutschen Gesandtschaft in Peking (20. Juni – 14. August 1900), und als letzte bedeutenden Kampfhandlung in diesem Feldzug, die Kämpfe in der Nähe des Houlu-Passes (23. und 24. April 1901). Ein entgültiges Friedensprotokoll mit China wurde im August 1901 verfasst.

Die Idee zu Stiftung (bereits am 10.Mai.1901) einer Denkmünze für den Chinafeldzug und der erste Gestaltungsentwurf gehen auf  Kaiser Wilhelm II persönlich zurück. Auf der Vorderseite der Medaille hält der Adler als deutsches Wappentier in überlegender Siegespose den am Boden liegenden Chinesischen Drachen in den Fängen. Auf der Rückseite befindet ein ein gekröntes „W“ und die umlaufende Devise „Den siegreichen Streitern“ „ 1900 China 1901“.  Neben den hier abgebildeten statutenmäßigen Medaillengrössen sind auch sog. Halbminiaturen oder Prinzengrößen angefertigt worden. Offiziell wurden erst im September 1901 13 Gefechtsspangen zur Chinadenkmünze gestiftet. Diese späte Datum erklärt sehr wahrscheinlich die erhebliche Anzahl von inoffiziellen Gefechtsspangen die in der Zwischenzeit von den Soldaten privat beschafft wurden. Diese inoffiziellen Gefechtsspangen tragen Ortnamen grösserer Gefechte (z.B. Chouchouang) zu denen später keine Stiftung einer offiziellen Gefechtsspange vorgesehen war. Wie Fotos belegen, wurden aber beide Arten von Gefechtsspangen getragen. Bei allen Spangen kommen Anweichungen in den Schreibweisen der Namen und in Größe und Hintergrundprägung der Spange vor.

Aufgrund des internationalen Charakters der Kämpfe gegen den aufständigen chinesischen Geheimbund der Boxer wurde nicht nur vom Deutschen Kaiserreich eine entsprechende Denkmünze gestiftet, sondern die beteiligten Großmächte Frankreich, England, Italien, die USA, Russland und Japan stifteten ebenfalls Medaillen für die in diesem Feldzug eingesetzten eigenen Truppenverbände.

Literatur:

-Deutsche Auszeichnungen 2. Band, Deutsches Reich 1871-1945, Dr.K.-G. Klietmann, Verlag „Die Orden-Sammlung“ Berlin 1971, 1 Auflage

Gert Efler, Der Chinafeldzug 1900/01, erschienen im OMM 43, August 1991

Diese Ordensspange ist im typischen Stil des ersten Weltkrieges und später gefertigt. Das hier verwandte Ordensblech ist ähnlich groß wie bei anderen Spangen, die Auszeichnungen sind allerdings mittig aufgesetzt, so dass der Abstand zwischen den Orden und der Spangenoberkante kürzer wirkt.

Der Träger dieser Ordensspange war Packmeister im Artilleriedepot des 4. AK in Magdeburg. Packmeister waren Militärbeamte in spezieller Verwendung, wie z.B. auch der Stallmeister oder der vielleicht bekanntere Dienstgrad des Zahlmeisters. Warum gerade ein Soldat in dieser Dienststellung die Chinadenkmünze in Stahl für Nichtkämpfer erhalten hat, ist recht interessant, läßt sich aber leicht erklären: Dieser Packmeister beaufsichtigte die seefeste Verladung von Feldkanonen aus dem Artilleriedepot des 4.AK. Die Artillerieabteilung des Expeditionskorps für den Chinafeldzug war mit Feldkanonen ausgerüstet. Bei der Mobilmachung der für China bestimmten Truppen wurde es notwendig, diese Kanonen schnellstmöglichst auf die entsprechenden Transportschiffe in Hamburg zu verladen. Dadurch, dass das 4. AK in Magdeburg an der Elbe lag, griff man auf die dortigen Depots zurück. Ein Transport mit Binnenschiffen nach Hamburg gewährleistete die schnellste Verladung. Um 1900 hatte der Zugtransport noch nicht annähernd die heutige Bedeutung gewonnen.

Im einzelnen befinden sich an ihr:

- das Kriegshilfskreuz
- das Allgemeine Ehrenzeichen
- die Chinadenkmünze in Stahl für Nichtcombatanten
- die sog. Zentenarmedaille
- Militärdienstauszeichnung für 12 Jahre

Sehr interessant dazu ist die Knopflochminiatur für den Zivialanzug.

Zur Vervollständigung möchte ich hier noch eine sehr seltene Schulterklappe abbilden. Im Laufe des ersten Weltkriegs wurde aus dem Packmeister ein Feldzeugmeister der Artilleriewaffen, ebenfalls im 4.AK Magdeburg. Diese Schulterklappe ist so vom Träger der Ordensspange im WK I getragen worden